Indien - Kurze Rundreise durch Rajasthan Teil 1

Ein Rausch der Bilder und Farben

Fort Gwalior

„Und wie war eure Reise durch Indien?“ „Ähhhm…. Ja…“ 2 Monate ist meine Rundreise durch Rajasthan nun her und immer noch fange ich bei dieser Frage an zu stammeln und zu stottern und es wundert mich selber, dass es mir so schwer fällt Indien und die Eindrücke in Worte zu fassen. Dennoch versuche ich es mit: „Indien ist unbegreiflich, nein unfassbar…“ „Unfassbar schön?“ „Nein.“ „Unfassbar hässlich?“ „Nein!“ Indien ist von Allem etwas – ein unbeschreiblicher Rausch aus Bildern und Farben, die einen nur schwer wieder los lassen wollen.

Trotzdem versuche ich, diese Bilder und Farben nun doch in Worte zu verpacken und sie in meinem Reisebericht einzufangen. Ich hoffe, es wird mir gelingen. Wenn nicht, bleibt dem Leser nur eins: Die Koffer packen und ab auf den indischen Subkontinent.


It’s a bumpy road to India – Ein Flug mit Air India
Die Entscheidung mit Air India zu fliegen, war praktischer und auch monetärer Natur. Praktisch, weil die Flugzeiten von und nach Frankfurt einfach viel kundenfreundlicher sind, als die der Lufthansa, die nachmittags Deutschland verlässt und spät nachts in Delhi ankommt. Die Air India fliegt spät abends ab und landet am Morgen in Delhi. Wer im Flugzeug schlafen kann, wird so dem Jetlag wunderbar vorbeugen. Ich würde mich durchaus zu den Leuten zählen, denen diese Gabe beschert wurde, doch 6 Stunden Turbulenzen meinten es nicht gut mit uns. Doch muss ich sagen, dass der Pilot uns souverän und mit einer stoischen Ruhe durch das Auf und Ab gesteuert hat. Es gab keine ständigen Durchsagen und auch das Klingelkonzert mit den Anschnallzeichen blieb aus.

Ablenkung konnte da sicher das große Entertainment-Programm bieten, das man mit einer Fernbedienung im Sitz und einem Bildschirm in der Rückenlehne des Vordermanns individuell bestimmen konnte. Aktuelle Kinofilme (auf Englisch und Deutsch), Klassiker, Bollywood Schnulzen (natürlich), Musik (von Country über Klassik bis Punjabi-Pop) und Spiele sorgten für Abwechslung.

Und da die Crew inklusive Pilot mit Turban in Frankfurt im zweiten Anlauf das richtige Gate und das richtige Flugzeug gefunden hatte, landeten wir 8 Stunden später wohlbehalten und müde am Flughafen in Delhi. Das Abenteuer konnte beginnen.


Welcome to India!
„You forgot to fill out the address of your hotel.“ Grimmig schaut der alte Beamte am Einreiseschalter von meinem Einreiseformular hoch. „I don’t know the adress.“ Panisch schaue ich ihn an, dann meine beste Freundin am anderen Schalter. In Gedanken sehe ich mich schon im nächsten Flieger zurück nach Frankfurt. Bye Bye India. Da fängt der alte Mann an zu lachen. „No Problem. I know the address. It is close to a friends house.“ Haha, das ist also indischer Humor. Mit großer Erleichterung sehe ich wie er einen Stempel in meinen Pass drückt. „Welcome to India“.

Wir sind da! Unser Blick schweift durch die große, helle Ankunftshalle, die nicht von einer europäischen Ankunftshalle zu unterscheiden ist. Ein riesiger Duty Free Shop lädt zum Shoppen ein, Kofferbänder mit unzähligen großen und kleinen Koffern drehen sich unablässig im Kreis und ernst aussehende Zollbeamte stehen an den Ausgängen. Alles ist so sauber und ordentlich. Wo sind das indische Gewusel und die bunten Saris? Die Kühe und die Tuktuks? OK, Kühe und Tuktuks gehören sicher nicht in die Ankunftshalle eines Flughafens, aber wo ist der Rest? Unsere Koffer kommen schnell und nicht mehr zerdötscht als sonst auf dem Band angefahren.

Im Empfangsbereich erwartet uns der Mitarbeiter unserer Agentur und bringt uns zu unserem Auto mit Fahrer. Und als wir aus dem Flughafengebäude treten sind wir „mittendrin“: bunte Saris, laute fremdklingende Gespräche, ein Gewusel aus Menschen und Tieren – OK, die Tuktuks und Kühe fehlen nach wie vor - wir sind in Indien. Es ist heiß und staubig und es riecht so ganz anders, als zuhause. Überhaupt scheint es in Indien überall zu duften, nach fremden Gewürzen, Blumen, Räucherstäbchen, Tieren und Menschen. Düfte, die uns auf unserer ganzen Reise begleiten, betören, erschrecken und uns auch noch Monate später, an einem Wochenende im fernen Zürich, an Indien erinnern werden.

Auf dem Weg in die Stadt ist es dann endgültig – wir sind angekommen. Da sind sie, die heiligen Kühe, die auf den Straßen umherwandern und als Glücksymbol gelten. „Fütterst du eine Kuh, die an deinem Geschäft vorbeiläuft, bedeutet dies Glück“, erklärt uns der indische Reisebegleiter. Darum werden sie auch nicht von der Straße verscheucht, denn andernfalls würde man ja sein Glück davonjagen. Stattdessen fährt man als Verkehrsteilnehmer einfach in einem größeren oder kleineren Bogen um die Tiere herum.

Da sind auch endlich Frauen in bunten Saris, die stets aussehen wie prachtvolle Prinzessinnen - egal ob sie in dreckigen und heruntergekommenen Hütten leben und gerade dabei sind, ihre vier Wände mit Kuhfladen zu verputzen. Die Männer tragen dagegen allgemein Tuchhosen und Hemden - egal ob Sie sich als Banker verdingen, oder als Friseur, der mit einem Stuhl und einem an die Mauer genagelten Spiegel am Straßenrand auf Kundschaft wartet. Auf der Fahrt durch die Stadt fahren wir vorbei an Wellblechhütten und großen herrschaftlichen Villen, vorbei an müllüberhäuften Slums und Parks mit englischen Rasenflächen. Neben uns auf der Straße schlängeln sich Porsche- und Mercedes-SUVs durch das Gewühl aus Tuktuks und Mopeds, genauso wie Kinder mit Handkarren und Bettler auf Rollbrettern.

Die Gegensätze, denen wir begegnen schockieren im ersten Augenblick und faszinieren gleichzeitig, denn irgendwie scheinen hier alle Facetten von Glanz bis Elend friedlich nebeneinander existieren zu können.


Delhi - die Stadt der Gegensätze
Auf unserer gesamten Reise werden uns diese Gegensätze immer wieder zum Nachdenken und Staunen bringen, aber am eindrucksvollsten waren sie am ersten Tag in Delhi. Vielleicht waren es auch die Müdigkeit und der 8-Stunden-Flug, die alles noch viel exotischer und überwältigender erscheinen ließen. Doch ich glaube, ich werde mich den Rest meines Lebens daran erinnern, wie ich aus dem Nordtor der Jama Masjid, der größten Moschee Indiens, heraustrete und den ersten Blick auf die Altstadt von Delhi werfe.

Zehn Millionen Menschen leben in Delhi und in diesem Augenblick habe ich das Gefühl, dass sie sich alle auf der Straße unter mir befinden. Ein Gewimmel aus unzähligen Menschen, kleinen Geschäften und Markständen, überspannt von Stromleitungen, die aussehen, wie die verknotete Weihnachtsbeleuchtung, die meinem Vater jedes Jahr den letzten Nerv raubt. Lärm, Gehupe, laute Rufe und Musik - das alles strömt auf mich ein und ich bin mir sicher, so muss sich ein Kulturschock anfühlen. Ich blicke zu meiner Freundin neben mir, die ebenso ungläubig auf die Massen unter uns schaut. "Wollen Sie Rikscha fahren?" fragt uns unser Reiseleiter. "Wo?" "Da unten!" Er deutet in die Straße. Wir blicken uns an und schütteln simultan den Kopf. Ich bin mir sicher, an jedem anderen Tag hätten wir uns auf dieses Abenteuer gestürzt, aber k.o., wie wir sind, bevorzugen wir dann doch den komfortablen und klimatisierten Jeep, der sich nun einen Weg durch die Menge bahnt.

Wir fahren durch eine Straße, die mir auch noch lange in Erinnerung bleiben wird. In jedem Haus ist ein anderer Laden, der ein anderes Autoteil verkauft. Der erste verkauft Reifen, der zweite Vergaser-klappen, der Nachbar Motoren, der vierte Karosserieteile … am Ende der Strasse hätte man sicher ein komplettes Auto zusammengekauft. Wir blicken ungläubig aus dem Fenster und versuchen all die Bilder und Eindrücke aufzunehmen. Doch dann ist es ganz plötzlich vorbei.

Unser Auto fährt nun zügig und ohne Schlangenlinien auf einer breiten Strasse. Rechts und links erstrecken sich grüne Parkanlagen, in denen Kinder Kricket spielen. Wir halten am Park des sogenannten Raj Ghat, dem Verbrennungsplatz von Mahatman Gandhi, und gehen ein Stück spazieren. Es ist ruhig und friedlich hier. Modern gekleidete Inder und Inderinnen begegnen uns. Und plötzlich scheint das Treiben in der Altstadt nicht nur meilenweit entfernt, sondern fast wie Szenen aus einer anderen Zeit. Als wir dann auch noch das India Gate passieren und über einen breiten Boulevard dem Präsidentenpalast entgegen fahren, entfährt meiner besten Freundin tatsächlich der Vergleich. „Das ist ja fast wie in Paris.“ Laut hupend nimmt uns ein Tuktuk die Vorfahrt. „Ja, aber nur fast.“


Im fahrbaren Kühlschrank nach Gwalior
Sechs Uhr Morgens am Bahnhof in Delhi - viel zu früh für ein Knoppers und viel zu früh für uns. Doch wir werden im Laufe dieser Reise noch lernen, dass in Indien Morgenstund eben wirklich Gold im Mund hat. Mit dem Shatabdi Express fahren wir nach Gwalior. Wir haben Karten in der 1. Klasse. Die Abteile erinnern uns an die alten Züge der Deutschen Bahn. Doch die Sitze sind bequem und man kann sie, und davon machen wir sofort Gebrauch, in eine bequeme Semiliegeposition bringen. Vier Stunden Zugfahrt liegen vor uns und meine beste Freundin schläft sofort ein. Doch mich hält die Aussicht vor dem Fenster wach. Aus dem Zug bekommt man eine beeindruckende Einsicht in das alltägliche Leben der einfachen Inder. Man sieht Slums, Wohngebiete und später auf dem Land Bauernhöfe, Menschen aller Altersklassen, wie sie den alltäglichen Pflichten und Aufgaben nachgehen: Wasserholen, Wäscheaufhängen, Tiere auf die Weide treiben und die Ernte einholen. Oft erscheinen die Methoden vorsintflutlich, aber sie sind spannend zu beobachten und halten wach.

Dazu wird es mit der Zeit im Wagen immer kälter. Schnell ist klar, die Indische Eisenbahn hat kein Problem mit nichtfunktionierenden Klimaanlagen. Nach kurzer Zeit erwarte ich die ersten Pinguine und Eisbären. Doch Gottseidank haben wir auf Grund eines freundschaftlichen Ratschlags Wollsocken und Kapuzenjacken eingepackt, die dankbar zum Einsatz kommen. Wir wundern uns wie unsere indischen Mitreisenden im wahrsten Sinne des Wortes so cool bleiben. Von unseren europäischen Mitreisenden ernten wir hingegen neidische Blicke.

Vier Stunden später und „Gott sei Dank“ wieder aufgetaut, da unser indischer Reisebegleiter sich den Schaffner zur Brust genommen hat, erreichen wir Gwalior - ein kleiner Geheimtipp von der ARTE-Geschäftsführung. Hier sollen wir Indien noch ganz ursprünglich und ohne große Touristenströme erleben können. Und es stimmt. Auf unserer Stadtrundfahrt scheinen wir die einzigen Ausländer zu sein. Schade nur, dass Gwalior sich gerade einer Schönheitsoperation unterzieht. Der Bürgermeister hat beschlossen "Unser Dorf soll schöner werden" und veranlasst, dass alle Fassaden an den Hauptstrassen abgerissen und neu aufgebaut werden. Also sieht es hier gerade aus, wie nach einem Erdbeben.

Wir fahren hinauf zum Gwalior Fort, das auf einem Felsplateau hoch über der Stadt thront. Allein die Auffahrt ist spektakulär, da in die Felsen große Jainstatuen gemeißelt wurden, die nun erhaben auf die Vorbeifahrenden hinunterblicken. Das Fort selber ist mit seiner spannenden Geschichte sehr se-henswert und bietet eine grandiose Aussicht auf die Umgebung. In direkter Nachbarschaft zur Festung befinden sich auch zwei nette kleine Hindutempel, die wir spontan für eine Fotosession nutzen. In Gwalior zu übernachten macht wenig Sinn, obwohl es dort ein schönes Palasthotel gibt. Doch hat es neben der Festung nicht viele Sehenswürdigkeiten zu bieten. Dennoch würde ich es jedem emp-fehlen, der gerne Zug fährt und der sich auch mal eine Stadt, die nicht jeder Indien-Reisende kennt, anschauen möchte. Ich bin froh, dass wir mit dem mobilen Kühlschrank gefahren sind und dass wir Wollsocken dabei hatten.

Lesen Sie den 2. Teil, in dem eine Kölnerin dem Dom untreu wird und das Jagdfieber nach Tigern und Teppichen ausbricht.


April 2011, C. Reiners

 


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