Auf Goethes Spuren in Schlesien

Breslau, Riesengebirge und Krakau

Krakau Dom

Goethes Reise nach Schlesien im Sommer und Frühherbst 1790 gehört zu den mehrwöchigen Unternehmungen, die kaum durch schriftliche Zeugnisse belegt sind. Einige wenige Sätze, ein paar Verse und Briefe, dazu Angaben zum Verlauf der Reise sind einzig überliefert. Der Freundeskreis des Goethe-Museums in Düsseldorf hat sich mit A.R.T.E-Reisen jetzt auf eine ergiebige Spurensuche begeben.


Vielfältiges Polen

Die große Vielfalt der Eindrücke im heutigen Polen verfolgt die damalige Reise des Dichters, gleichzeitig das heutige Leben in der geschichtsträchtigen Region vermittelnd. Da sind zunächst die großen Städte Breslau und Krakau, die als Universitätsstandorte und Kulturmetropolen herausragen. Sakrale Bauten, Marktplätze (der typische Rynek), Oper und Theater lassen die Bedeutung der Städte erkennbar werden. Immer wieder der Blick auf das Detail: kleine Bronzefiguren in den Straßen Breslaus, ausgedehnte Grünanlagen, in den Boden eingelassene Platten, die von der Historie der Stadt und vergangenen Naturkatastrophen erzählen.

Goethe beschäftigte sich während seiner Reise als Begleiter von Herzog Carl August mit naturwissenschaftlichen Fragestellungen, geleitet von geologischen, osteologischen und bergbaulichen Interessen. Von Hirschberg aus lag für ihn die Schneekoppe (1.602 m) nicht weit.


Programm Höhepunkte

Zum Programm der Reise gehörten viele Themen, die die Grundlagen für das Verständnis der südpolnischen Region (ehem. Nieder- und Oberschlesien) verständlich erschließen: eine ausgezeichnete Führung über den jüdischen Friedhof in Breslau, dann der Besuch in der evangelischen Friedenskirche "Zur heiligen Dreifaltigkeit" in Schweidnitz, die als größte Holzkirche in Europa gilt. Das Orgelspiel im kühlen Kirchenraum, die beeindruckende Gestaltung des Innenraums, der für 7000 Besucher gleichzeitig Platz bietet, ließen die Gäste staunen. Es kann angenommen werden, dass Goethe, selbst Protestant, diese typischen Stabholzkirchen, auch die Kirche von Vang, besucht hat.

Ein besonderer Schwerpunkt waren die naturräumlichen Gegebenheiten, die Goethe auf seiner Kutschenfahrt im Sommer vermutlich erlebt hat: Getreidefelder mit Mohn- und Kornblumen, ein Gewitter über dem Land, die ferne Silhouette des Riesengebirges, des Katzen- und Eulengebirges wie des Heuscheuergebirges, eingezäunte Bauerngärten mit Gurken und Malvenstauden. Der Mythos von Rübezahl begleitet den Wanderer auf dem Weg zur Schneekoppe. Es ging darum, vor Ort den noch immer unveränderten Merkmalen nachzuspüren. Dazu gehören der Geruch des Waldes bei Regen, Nebelflocken, die dunklen Tannen, Störche auf den hochgebauten Nestern rechts wie links, fliegende Wolken und gleißende Sonne. Der Reiseweg im neuen komfortablen Bus verdeutlichte angesichts der mit Bäumen bestandenen Landstraßen annähernd die Anstrengung der Reise im 18. Jahrhundert.

Das Abenteuer Bergbau wurde nachentdeckt in der Silbergrube "Schwarze-Forelle-Stollen" nahe Tarnowitz. Eine 600 m lange Fahrt mit metallenen Booten auf einem unterirdischen Wasserlauf förderte Spannung und körperlichen Einsatz. Einst arbeiteten hier Mensch und Tier unter enormer Kraftanstrengung. "Wie war das wohl früher?" - so lautete eine häufig gestellte Frage. Das historische Salzbergwerk von Wieliczka (UNESCO-Weltkulturerbe) bildete hinsichtlich der gewaltigen Ausmaße eins unterirdischen Labyrinths von Gängen und überraschenden Aufenthaltsorten einen besonderen Höhepunkt.


Landestypisches

Die täglichen Mittagspausen mit landestypischen Suppen und Getränken boten in gastlicher Umgebung Stärkung und Erholung. Sie waren ein fabelhaftes Gegengewicht zu den herausragenden Hotels, die wiederum ein Stück gelungener Wiederherstellung und Bewahrung von historischen Landgütern vorstellten. Großzügigkeit, stilvolles Ambiente und Gastfreundschaft vor Ort förderten somit auch die Aufnahmefähigkeit und den freundlichen Zusammenhalt der Gruppe.


Agnetendorf und Glatz

Agnetendorf, der außergewöhnliche, exponierte Wohnsitz des Dichters Gerhart Hauptmann, war ebenso lohnend wie ein Abstecher nach nach Glatz, gelegen an der Glatzer Neiße, dem Geburtsort des Philologen und wissenschaftlichen Mitarbeiters von Goethe, Friedrich Wilhelm Riemer. Unverzichtbar waren die vielen kleinen Momente, auf die sich die Reisenden aufmerksam machten: wehrhafte Burgen auf Hügeln, Häuser und Kirchen in Tiroler Bauart, der Eindruck blau schimmernden Getreides, Frauen mit Kopftüchern auf dem Feld, schief stehende Grabsteine, eine fremde Inschrift, ein Datum. Familienverhältnisse aus zurückliegenden Jahrzehnten wurden erinnert und neu erfahren. Was ist Heimat? Da geht es um den Geschmack einer Wurst, um Mohnkuchen, Pralinen, köstliche Weichselkirschen. Plötzlich ist die eigene Geschichte wie die weit entfernte Dichter-Reise ganz nah. Da werden Steine und Zapfen aufgehoben, Blumen gepflückt und getrocknet, dem Pfarrer wird im Vorübergehen die Hand gedrückt. Nach ein paar Tagen vermischen sich die Bilder, bleiben aber intensiv und farbig: die Wandmalereien der „Paradieseshalle“ in Agnetendorf, Altarbilder und Marienstatuen, gotische Säulen, geschnitzte Bögen und der Pfingstrosenschmuck von der letzten Hochzeit. Ungezählte Fotos sollen helfen das Gesehene möglichst vollständig zu bewahren.


Krakau

Beeindruckend in Krakau der geöffnete Veit-Stoss-Altar in der Marienkirche. Die Reisenden empfinden mit allen Sinnen: den glatten Boden in der Kirche, den Geruch des Holzes und der Farben, das Gold auf der Kanzel, dann wiederum die strahlende, wärmende Sonne über der Stadt. Glücksmomente angesichts der weiß gelackten Kutschen mit prächtigen Pferden davor. Das Getrappel der Hufe, rollende Räder, Blumenstände unter gelben Schirmen. Blicke auf dem Markt verraten viel von einem ganzen Land: Weizenkringel mit Sesam, Wurst und Käse, samtige Aprikosen, Zöpfe von Knoblauch, Gurken, Fenchelgrün, Heidelbeeren, künstliche und echte Blumen, leuchtende Trockenblumenkränze. Eine alte Frau strickt Socken, eine andere bietet ein Schälchen mit Zuckererbsen an. Grablichter, Kerzen, Körbe, Kugelketten und mit Rosen gemusterte Tücher runden das bunte Angebot ab.

Überhaupt Krakau: im Zentrum der zweitgrößte Marktplatz in Europa. Riesige ehemalige Tuchhallen mit kleinen Geschäften, der Rathausturm, Musiker in regionaler Tracht, einladende Restaurants und wieder die unübersehbare Marienkirche mit ihren unterschiedlichen Türmen, seitlich an den Platz herangerückt. Wenige Stunden als Gast in Krakau wird das Lied des Türmers zur vertrauten Melodie. Man wartet vielleicht sogar eine volle Stunde ab, um wieder für die Dauer der kleinen Darbietung das Phänomen Zeit zu erfahren, Freude zu empfinden, mit den Augen die Trompete in der Höhe suchend. Besinnlich stimmend ist das jüdische Viertel mit seinen vielen Restaurants, in denen die charakteristische Klezmer-Musik gespielt wird.

Krakau, die Königsstadt, die Goethe auch besuchte, ist heute eine lebendige, von jungen Menschen geprägte Universitätsstadt, ein Magnet für alle Bereiche von Kultur, Kunst und Kommerz. Menschen aus aller Welt sind hier zu Gast. Dann Minuten aufmerksamer Konzentration: Leonardo da Vincis Bild "Dame mit Hermelin", ausgestellt als inszenierter Solitär der Wawel-Kunstsammlungen. Angeregte Diskussionen und Vermutungen zur Deutung des originalen Kunstwerks regen die Teilnehmer umgehend an. Etwas später nimmt der Blick vom Wawel-Schloss und Dom auf die tief unten fließende Weichsel, die einen großen Bogen um den Burgberg beschreibt, auch die Silhouette der Hohen Tatra in der Ferne wahr.


Ré­su­mé

Einordnung von Zeit und Raum - das gelingt jeden Tag auf dieser so interessanten Reise, die keine Müdigkeit aufkommen lässt. Hunderte Namen werden zu Persönlichkeiten, ferne Ereignisse haben sichtbare Spuren für uns hinterlassen. Kenntnis und Begeisterung der Reiseleitung sind nicht zu unterschätzende Voraussetzungen für das momentane Gelingen dieser Unternehmung, die sich in der Erinnerung des einzelnen bleibend festigt. Eine rundum gelungene, anspruchsvolle Reise zwischen gestern und heute.


Dr. Heike Spies, 3. Juli 2014



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